Bookmark and Share

Stadtpfeifer um 1475

Die historischen Vorbilder unserer Gruppe

Die Gruppe der Stadtpfeifer sitzt bei den Aufführungen der Landshuter Hochzeit auf dem Zehrplatz bei den „Ausgestoßenen“ der mittelalterlichen Gesellschaft, den Zigeunern und dem fahrenden Volk. Trotzdem spielen sie wie die anderen Musikgruppen auf den edlen Naturtrompeten – „ein herrlich Instrument, wenn ein guter Meister … drüber kömpt“(*1). Diese waren von Haus aus ausschließlich dem Adel vorbehalten.

Dieses widersprüchliche Bild vom Zehrplatz der „Landshuter Hochzeit 1475“ fängt perfekt den gesellschaftlichen Wandel ein, der um die Wende vom 15. Zum 16. Jahrhundert bei den städtischen Musikanten begann:

Tatsächlich hatten die Stadtpfeifer das ganze Mittelalter über mit anderen verfemten und „unehrlichen“ Berufsgruppen, mit Scharfrichtern, Totengräbern, Nachtwächtern, Zahnziehern, Freudenmädchen usw., praktisch außerhalb der mittelalterlichen Gesellschaft als Vagabunden gelebt (*2). Ihre Rechtsstellung war damit höchst unsicher. Daher strebten die Stadtpfeifer vor allem eins an:

Sie wollten zu den ehrbaren und angesehenen Ständen gehören. Erst dann konnten sie in einer Stadt sesshaft werden, ihren Besitz vererben, ihre Kenntnisse in Zunftordnungen weitergeben und so wie die anderen Handwerker den Schutz des Bürgerrechts genießen.

Das wichtigste Argument der Stadtpfeifer für dieses Bürgerrecht war zweifellos ihr Können. Das Spiel auf den mittelalterlichen Instrumenten wollte sorgfältig erlernt und geübt sein. Ihre Zinken, Posaunen, Naturtrompeten, Flöten, Rauschpfeifen, Trommeln und Krummhörner (Abb. 1) können allenfalls als Vorläufer der modernen Instrumente gelten und wiesen aus heutiger Sicht eine Reihe von Konstruktionsmängeln auf, die der Spieler 1475 noch zusätzlich durch Können und Routine ausgleichen musste. Die Stadtpfeifer waren neben den am Hof angestellten Berufsmusikern ganz einfach die einzigen, die diese Instrumente (und zwar jeder für sich mehrere!) beherrschten und damit ordentliche Musik liefern konnten.

Umgekehrt wuchs der Bedarf an Musik seitens der Bürgerschaft. Die zu Reichtum gelangten Stadtbürger und Ratsherren wollten zeigen, dass sie es zu etwas gebracht hatten. Das ging am besten, indem sie die Sitten der Adligen imitierten. Feste, Gottesdienste und Versammlungen, die die Bürgerschaft ausrichtete (*3), sollten denen des Adels ähneln oder sie sogar an Pracht übertreffen – auch musikalisch.

Das führte zu einer allmählichen Aufwertung der Stadtpfeifer. Diese schlug sich zuerst in den Rechnungen der Stadtkämmerer nieder. Auf Anfrage der Stadt München musste der Stadtpfeifer Arsazius Schnitzer 1538 über die aktuelle Anzahl und eventuellen Reparaturbedarf der Instrumente der Stadtpfeiferei (darunter auch so genannte „Schreyflöten“ wie wir sie spielen, Abb. 2) berichten – die Instrumente wurdennämlich von der Stadt finanziert und unterhalten (*4). Der gute Zustand des Instrumentariums war den Stadtvätern offenbar wichtig und bares Geld wert.

Vor allem die höfischen Trompeter beschwerten sich bald über ihre neuen, gut ausgerüsteten „Kollegen“. Besonders verärgert waren sie darüber, dass ihr Instrument „bei bürgerlichen Hochzeiten, in Wirtshäusern und im Schaustellergewerbe Verwendung fand“(*5). Sie befürchteten ganz klar einen Imageverlust ihres Instruments durch die Konkurrenz der Stadtpfeifer. Trotzdem verhallten alle ihre Rufe nach einem Berufsverbot für die städtischen Musiker fast 150 Jahre lang ungehört. Erst 1623 schuf Kaiser Ferdinand II. die Reichszunft der Trompeter und Pauker, die den höfischen Trompetern ein Monopol auf ihr Instrument sicherte (*6). Trotzdem durften die Stadtpfeifer die Trompete bei Gottesdiensten weiterhin spielen (*7).

Aber kam mit der besseren Ausrüstung für die Stadtpfeifer auch der erhoffte gesellschaftliche Aufstieg?

Der Weg der Stadtpfeifer vom Vagabundenleben in die ehrbaren Stände führte in vielen Städten „über den Turm“(*8). Das Amt der Stadttürmer war mit großer Verantwortung verbunden: Späh- und Wartdienst, das zuverlässige Melden von Bränden, herannahenden Gewittern oder fremden Truppen mit Hilfe eines primitiven Hüfthorns, aber auch Alltägliches wie das Zeitschlagen gehörte zu ihren Aufgaben (*9)– lebenswichtige Funktionen in der Bürgerschaft, aber nicht gut bezahlt. Obwohl sie der Bürgerschaft einen Eid leisten mussten, entliefen manche Türmer, weil sie sich unterbezahlt fühlten (*10).

Was lag also näher, die unzuverlässigen Türmer durch die nach gesellschaftlicher Aufwertung lechzenden Stadtpfeifer zu ersetzen und die Funktionen beider Berufsgruppen zu verschmelzen? Vielleicht hat dabei auch eine Rolle gespielt, dass die Bürger vom Turm allmählich auch „ordentliche Musik“(*11) hören wollten.

Insgesamt jedenfalls war die Zeit um 1500 für die Stadtpfeifer eine Zeit des Aufstiegs. Sie hatten das alleinige Recht der Musikausübung in der Stadt, durften Lehrlinge halten, waren von bestimmten Steuern befreit, konnten mit Zuschüssen an Feuerholz, Getreide und Freibier rechnen und durften auf zwei Umgängen im Jahr (ähnlich dem heutigen Neujahrsanblasen) Spenden sammeln (*12).

In der Beschreibung des großen Münchner Festschießens von 1577 durch den Augsburger Pritschenmeister Lienhart Lutz und seinen Sohn Valentin sind „Die Münchnerische Stadtpfeiffer in Ihrer khlaidung“ (Abb. 3) – also in einer Art Dienstuniform – abgebildet. Sie wirken sauber und wohlgenährt: Der Endpunkt einer Aufstiegsgeschichte, an deren Beginn knapp 100 Jahre zuvor vielleicht die Stadtpfeifer der reichen Bürgerstadt Landshut gestanden sind.

Die bürgerlichen Manieren stellten sich jedenfalls erst etwas später ein als die äußeren Zeichen des gesellschaftlichen Aufstiegs. Sonst würde nicht noch im 17. Jahrhundert in einem Zunftbuch der Hinweis auftauchen:

„Es soll auch ein jeder Spielmann, wohin auch immer man ihn berufe, fein nüchtern und bescheiden an demselben Ort erscheinen, sich dort auch anständig, bereitwillig und gehorsam zeigen und mit allerlei schönen und kurzweiligen Stücklein … aufspielen…“

Gelegentlich Rückfälle in die Welt der Vagabunden waren also nicht ausgeschlossen. Die modernen Nachfahren der Stadtpfeifer versuchen, sich damit nach Möglichkeit zurückzuhalten.

Abb. 1

Abb. 1: Die Instrumente der Stadtpfeifer (Aus: Sebastian Virdung, Musica getutscht und ausgezogen, Basel 1511).

Abb. 2

Abb. 2: Stadtpfeifer mit Flöte und Trommel

Abb. 3

Abb. 3 Die Münchner Stadtpfeifer in ihrer „khlaidung“ (=Uniform)

 

 

 

Verweise

 


(*1) Die Michael Praetorius 1618, Zit. n. Engel, Klaus-Dieter: Die Münchner Stadtmusikanten – ihre Instrumente und ihre Musik. In: Münchner Stadtpfeifer und Stadtmusikanten, hrsg. vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München (=Volksmusik in München 17/1993). S. 29-44. S. 32.

(*2) Hildebrand, Maria: „Sie spielten gar nicht so übel zusammen…“. Die Geschichte der Stadtpfeifer und Stadtmusikanten in München. In: Münchner Stadtpfeifer und Stadtmusikanten, hrsg. vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München (=Volksmusik in München 17/1993). S. 3-28. S. 3

(*3) Altenburg nennt als Funktionen der Stadtpfeifer, Ratstrompeter und Türmer: Turmblasen und Turmmusik, Ratsveranstaltungen und Gerichtstage, Kirchenmusik sowie Konzertwesen und bürgerliche Musikpflege. Altenburg, Detlef: Untersuchungen zur Geschichte der Trompete im Zeitalter der Clarinblaskunst. Köln 1973. Inhaltsübersicht.

(*4) Hildebrand 1993, S. 4.

(*5) Ebd. S. 4.

(*6) Ebd.

(*7) Ebd.

(*8) Ebd. S. 3.

(*9) Solleder, Fridolin: München im Mittelalter. München 1938. Reprint Aalen 1962. S. 331.

(*10) Ebd.

(*11)Hildebrand 1993, S. 3.

(*12) Ebd. S. 4

(*13) Im Original: „Eß solle auch Jeder Spilman, wohin man Ihn würd berueffen, fein Niechtern beschaiden an demselben orth Erscheinen, sich aldorten Zichtig, Willig und gehorsamb Erzaigen, mit allerlay schönen und khurzweiligen Stückhlein und dergleichen sich exerzieren und aufspillen…“ Zunftbuch der Münchner Stadtpfeifer, zit. n. Hildebrand, S. 6.